Shooting John - Happiness +/- [Strange Ways / Indigo]

Schon Rilke wusste: “Wer jetzt kein Haus gebaut hat, der baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, der wird es lange bleiben“. Ein Blick aus dem Fenster zeigt deutlich, es wird Herbst, Ende August. Jetzt bricht sie wieder an, die Zeit in der man sich mit seinem Lieblings-Heißgetränk in eine Decke kuschelt, im Sessel vor der Heizung in die graue Tristesse hinausblickt und sich manchmal genauso fühlt: trist, traurig, verloren. Und mit dieser Gefühlslage bricht auch die Zeit der Platten wieder an, die den perfekten Soundtrack für dieses Gefühl liefern.

Und hier kommen die Schweden von Shooting John ins Spiel. Ja, die Band kommt aus Malmö, auch wenn sie gar nicht danach klingt – ich hatte hier zunächst eher die Isländer im Verdacht. Denn was das Kollektiv auf ihren Debütalbum „Happiness +/-“ hervorbringt, passt stimmungsmäßig eher zu dem, was wir aus dem Land der Geysire von Bands wie Seabear oder Sigur Ros kennen: Melancholie in ihrer schönsten Form. Musikalisch klingt das nach einer ausgewogenen Mixtur aus Americana, Country, Folk und Pop; nach den frühen Counting Crows und nach Home Of The Lame. Die Düsternis der grauen Jahreszeit scheint ganz Besitz ergriffen zu haben von der Band um Peder Gravlund, der mit seiner wunderbar sonoren Stimme einen ganz reizenden Gegenpart in der glockenhellen Stimme von Helena Arlocks findet. Dreizehn Songs (darin enthalten: zwei Bonustracks) lang wandeln Shooting John in der Mollwelt umher, wirkliche Hoffnungsschimmer lassen sie kaum zu, es ist eine Düsternis ohne den berühmten Sonnenstrahl, der den Herbsthimmel kurz mit einem Goldschein erhellt. Das überraschende daran ist, dass die Songs von Shooting John mit ihrer Melodieführung, die ohne Zweifel Anerkennung verdient, nicht wirklich im Einzelnen so sehr im Gedächtnis bleiben als vielmehr die Platte in ihrer Gesamtheit. Klar, es gibt Titel und Textzeilen, die man sich merkt, weil man sich vielleicht gerade so fühlt. „Well I’m just playing my part / I’m breaking your fragile heart“ zum Beispiel, oder „Sunday afternoon and the sun is warm / This is not the time for dying”, so als kleinen Gegenpol. Nein, hervorzuheben ist da genauso wenig wie herabzusetzen, es gibt hier keinen Ausfall, aber eben auch keinen wirklichen Überflieger, und das, wo „Happiness +/-“ als Konzeptplatte in keinem Fall zu verstehen sein kann sondern eher auf strukturiertes Songwriting setzt. Das könnte man der Platte als Missstand ankreiden, wenn man es denn wollte, genau wie die Tatsache, dass jeder Song dem anderen sehr ähnelt und das Ganze auf Dauer etwas eindimensional wirkt. Fakt ist, dass die Platte in der Tat einen sehr, sehr guten Herbstsoundtrack darstellt; dass man sich in ihr fallen lassen und verlieren kann; dass sie einen in den Arm nimmt und sagt: „Hör mal, mir geht’s auch nicht besser – lass uns zusammen einfach nur schweigen“. Das klappt ganz hervorragend.

Und um auf den Anfang dieser Rezension zurückzukommen, auf die traurigen wie weisen Worte Rilkes: wer nach Genuss dieser Platte den Boden unter seinen Füßen gern wieder hätte, sollte sich an einen jungen deutschen „Dichter“ namens Gisbert zu Knyphausen wenden. Der hat gesagt: „Melancholie, du kriegst mich nie klein.“

Text: Kristof Beuthner

Links zum Thema:
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...und die Myspace-Präsenz


Datum: 26.08.2008, 22:11 Uhr

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