Nicht twittern. Selbst erleben. Nillson unterwegs: Orange Blossom Special 2010

„Gerade das #Zelt aufgebaut. Wer noch?“

„Boah, sind die #Dixis wieder ein Traum dieses Jahr. Riechen irgendwie nach #Kuchen, so am Anfang!“

„Stehe grade nach #BandX und vor #BandY im #Moshpit und hab #Langeweile!!“

Wer kennt sie nicht? Die Iphone-Menschen auf Festivals, die zu jeder Tages- und Nachtzeit, bei geliebten und ungeliebten Bands, ihre mittel- bis unwichtigen Gedanken über den Äther schicken, um auch nur den periphersten Eindruck zu vermitteln, wie gut so ein Festival ist? Gut, dass das Orange Blossom Special im Jahr 2010 ausspricht, was wir alle schon lange wissen. Denn das hier, das kann man nicht twittern. Wirklich nicht.

Wie nach hause kommen ist das. Die Sonne ist zum ersten Mal in diesem Jahr so richtig zuverlässig dabei ab Freitagmorgen. Der Wetterdienst verspricht, dass es bis zum Sonntagabend so bleiben wird. Und bereits auf dem Campingplatz fallen sich Freunde in die Arme, die sich fast auf den Tag genau ein Jahr nicht gesehen haben – zum letzten Mal beim Orange Blossom Special 2009, entweder bei den letzten Tönen von Get Well Soon oder beim Abschlussgrillen am Montagmorgen oder nach dem letzten Bier im Beverunger Stadtkrug, sich noch ein freundliches „bis zum nächsten Jahr!“ zurufend, langsam wieder im Alltag verschwindend.

Auch 2010 haben die Glitterhouseler es geschafft. Mit allem. Wetter, Stimmung, Gastropreise, Freundlichkeit. Und selbst wir, die auf dem Gebiet ja noch ziemliche Newbies sind, lassen uns sofort wieder einnehmen von dieser Atmosphäre, die anhand des sommerlichen Eventtourismus, der kaum aufzuhalten scheint, sich immer mehr der Einzigartigkeit nähert. Waren wir ein Jahr weg? Quatsch, höchstens ne Woche. Pfingstmontag im letzten Jahr halt noch entspannt, dann drei Tage malocht, den Freitag freigenommen und mittags gegen 11 das Auto gen Beverungen gesteuert. Muss so sein, ein Winter war nicht. Rembert und Reinhardt auf der Bühne, der obligatorische Witz und spannende Bands, die vielen nicht per se was sagen, über die aber jeder Besucher bestens informiert scheint und schon dem Opening Act am Mittag voller Respekt und Vorfreude begegnet. Ein Gefühl, das auch 2010 bis zur letzten Band bleiben wird. Und wir? Stürzen uns mitten hinein. Sonnen uns. Und lernen kennen.

Zunächst einmal Unbunny. Die sind allerdings auch uns nicht unbekannt, wohl aber ihre Livequalitäten. Und die sind beachtlich. Was heißt beachtlich? Vielleicht würde dieser Mix aus Americana und Folkpop zu einer anderen Zeit als am Freitag um 17.00 deplatziert wirken. So passt es perfekt. Nicht ganz so spannend sind leider Earthbend. Solider Rock, nicht mehr, nicht weniger. Ein bisschen wie die Gods Of Blitz ein Jahr zuvor, von der Klasse her. Zeit zum Bier trinken und Mini-Calzone essen. Zu Wovenhand aber schnell wieder ins Getümmel. Alles beschwert sich, dass diese Band nicht die letzte des Tages ist und statt dessen noch im Hellen bzw. in der Dämmerung spielen muss. Ein bisschen kann ich es verstehen. Das ist sehr faszinierend. Folkrock vom Allerfeinsten, inklusive schamanischen Gesängen zum Auftakt jedes neuen Stückes. Das gibt: große Intensität. Und macht es schwer, die Augen von der Bühne zu nehmen. Danach konzentrieren sich dieselben Augen auf einen Bart. Den von William Fitzsimmons (Foto). Der, zugegeben, in punkto Intensität nicht an die Faszination heranreicht, die einen nach Wovenhand immer noch erfüllte. Der aber mit seinem einnehmenden Charme und den wundervollen Songs alles wieder gut macht. Der mit Band kompletter wirkt als alleine, wie er ebenfalls aufzutreten pflegt. Und der – aber das ist okay so – heute eher ins Bett bringt als für den Stadtkrug heiß macht. Keine Aftershow heute – wir warten auf den ersten nächtlichen Kälteschock des Jahres.

Am Samstagmorgen ist das Zelt eine Sauna, klar. Wie jedes Jahr. Es ist noch wärmer als am Vortag, dazu soll der wärmende Pop der Innits zum musikalischen Einstieg passen. Die Wärme geht allerdings tendenziell verloren, wird aber durch eine Menge Power und Filigranesse und außerdem echte Klassesongs vollwertig ersetzt. Schneider FM macht auch mit, danach wird die Band Freunde auf dem Campingplatz besuchen. Schön. Auch schön, sehr sogar: Garda (Foto). Eine der Entdeckungen dieses Festivals. Witzig und befremdlich zugleich, dass die ihre Ansagen sächseln. Man hatte bis vor kurzem noch geglaubt, dass Conor Oberst wieder Mitstreiter gefunden hat, mit denen er gute Musik machen kann, und das OBS sei der Ort ihrer Premiere. Ganz viel Elegie, ganz viel Emotion. Hin und weg. Dass die holländischen Death Letters das Pferd von der anderen Seite aufzäumen, war schon vorher klar, und auch wenn die Jungs mit ihrem Witz von Alter einen mächtigen Wirbelsturm aus Bluesrock und Punk lostreten, schaffe ich den Sprung noch nicht und bin noch zu verträumt. Egal, die waren gut, die Platte ist der Hit und die Band macht auch live alles richtig. Definitiv. Dann wird’s ganz spannend. Chris Ekmans Dirtmusic musiziert mit der Band Tamikrest aus Mali. Mit wechselndem Repertoire, alle gemeinsam auf der kleinen Bühne mit Kronleuchter. Da kann man kaum wegsehen. Wüstenrock, afrikanische Folklore, sehr viel Klasse und sehr viel Tradition kommen hier zusammen, und man kann kaum wegsehen. Dank des – übrigens auch auf der Platte „Adagh“ eindrucksvollen – hypnotischen Schlagzeuges kann man auch nicht weghören. Das ist: gut so. Tamikrest hatten schon am Vortag für hohe Sympathiewerte gesorgt, als sie mit Glitterhouse-Kumpan Michael J. Sheehy eine spontane Jamsession am Nightliner abzogen. Nicht nur die Gäste finden neue Freunde. Kashmir sind vermutlich die größte, bekannteste Band, die hier in diesem Jahr auftritt. Die Dänen zeigen einen tollen Auftritt, vereinen Kraft mit Melancholie und gehen zudem gut nach vorne. Das Publikum wird mitgerissen, und auch hier hätte sich ein Tausch mit dem eigentlichen Tagesheadliner vielleicht angeboten. Für mich war das aber schon in Ordnung so. Immerhin gab es zum Abschluss ein Wiedersehen nach langer Zeit mit der mächtigen Kante (Foto). Peter Thiessen und Co verspäten sich aber wegen Aufbauarbeiten um einiges, und irgendwie habe ich immer das Gefühl, dass die mit ihrem Publikum nie vollständig warm werden. Woran das nur liegt, möchte ich wissen, und bin voller Unverständnis. Leider fehlen wegen der Verzögerung einige Songs, die man gern gehört hätte. Aber die, die man letztlich doch gehört hat, hat man auch so sehr vermisst. Ein Gedicht ist dieser Auftritt, ein so eindrucksvoller Beweis, warum man über Kante allerorts so gut spricht: druckvoll, poetisch, anmutig. Bitte: kommt bald wieder!

Sonntag ist der letzte Tag und auch musikalisch erst einmal nicht besonders eindrucksvoll. Ich weiß tatsächlich schon eine halbe Stunde nach dem letzten Ton nicht mehr, wie die Fog Joggers und Saint Silas Intercession, immerhin mit Michael J. Sheehy, sich angehört haben. Ein Jammer. An die Schweden von Golden Kanine (Foto) werde ich mich hingegen lange erinnern. Die zeigen alles, was sie haben; mit Pauken und Trompeten (quasi) und einem tollen Mix aus Indierock, Folk und dieser faszinierenden, immer irgendwie positiv klingenden Melancholie, getragen von Melodien, wie sie eben doch nur die Schweden komponieren können. Das ist nicht mehr und nicht weniger als sehr, sehr großartig. Zumindest beeindruckt lässt uns Gemma Ray zurück, die sich zusammen mit ihrer Band sichtlich wohl fühlt unter dem Kronleuchter und ein tolles Konzert spielt. Eines, wie es auch genau da hingehört um diese Tageszeit; eines, das man gerne angehört hat, ohne zu viel davon mitgenommen zu haben. Ganz anders ist es bei Murder By Death. Ich habe irgendwann aufgehört, Menschen zu zählen, die nach dem Auftritt meinen Weg kreuzten, die Hände hinter dem Kopf gefaltet, und entgeistert stammelten: „Unfassbar! Die beste Band des Festivals! Unfassbar!!“. Und ja, zumindest zu den faszinierenden Höhepunkten gehören diese 1,5 Stunden Düsterpop mit ganz viel Nick Cave absolut. Das ist großes Kino, das macht Appetit auf mehr. Nicht so wie die Elder Statesmen, die nun die Bühne entern, Jugendhelden der Veranstalter: The Godfathers, deutlich über ihrem Zenit, gallig und scheppernd, aber leider nur exakt einen Song lang eindrucksvoll. Der Rest klingt völlig genauso und für die Jungspunde unter den Festivalgästen ist das überhaupt nichts. Nur die älteren Besucher freuen sich und „rocken mal so richtig ab“. Es sei ihnen gegönnt. Für den perfekten Ausklang sorgen in diesem Jahr Savoy Grand, die sich ungefähr drei Töne pro Minute gönnen und somit irre langsam und elegisch sind. Was zunächst noch ein wenig befremdet, schwenkt schon bald um in grenzenlose Bewunderung für so viel herzzerreißend gigantische Grandezza, für so viel, was auf den ersten Blick phlegmatisch wirkt, in Wirklichkeit aber tieftraurig und paradoxerweise gleichsam intro- und extrovertiert erscheint. So faszinierend, dass man sich schwört, sich daheim in einer oder zwei ruhigen Stunden noch mal mit dieser Band auseinander zu setzen. So beseelt ist man, dass man kaum merkt, wie der letzte Ton verklingt, und das diesjährige OBS schon wieder vorbei ist.

Und das ist schade. Der gute Eindruck vom letzten Jahr hat sich bestätigt, auch 2010 hat das Orange Blossom Special in Beverungen den Festivalsommer mehr als mustergültig eingeläutet. Man freut sich jetzt schon darauf, dass das im nächsten Jahr wieder so sein wird. Und es gibt nicht den geringsten Grund, warum man nicht schon generell für immer damit planen sollte. Denn, und das manifestiert sich immer stärker, das Orange Blossom Special setzt sich in so vieler Hinsicht auf höchst angenehme Weise von der hiesigen Festivallandschaft ab, wirkt fast wie eine Bastion, wo nicht der neueste Indie-Klamotten-Style und das Sehen und Gesehenwerden zählen, sondern die Gemeinsamkeit und die musikalische Qualität. Dass hier trotzdem vereinzelt mal der Festivalguide ausliegt, in dem das OBS nach wie vor nicht mehr als eine Randnotiz ist, wirkt seltsam ironisch.

Das Orange Blossom Special stellt die Reihenfolge des Musiksommers auf den Kopf. Es wird nicht erst quer durch die Republik gerockt und dann gemütlich im Glitterhousegarten entspannt. Vielmehr wird in Beverungen Kraft getankt, sich warmgemacht; es wird sich Energie geholt von Freunden, fantastischer Musik und einer herzlichen Atmosphäre, die jedem entgegenschlägt, ob er nun Neuling ist oder erfahrene Stammkraft. Und nicht nur den Besuchern, auch den Bands geht das so. Die sind genauso überwältigt von der Anerkennung (die sie übrigens genauso von den Veranstaltern bekommen, die genauso andächtig lauschend am Rand der Bühne stehen wie die Festivalbesucher davor), die ihnen entgegen schlägt, und bleiben zum Teil das ganze Wochenende da. Das, meine Damen und Herren, ist Festival.

Text: Kristof Beuthner

Links zum Thema:
Das Orange Blossom Special


Datum: 06.06.2010, 14:06 Uhr

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